Jobs im Wandel: Wie KI und Hightech den deutschen Arbeitsmarkt verändern
Rasant fortschreitende Entwicklungen in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI), maschinelles Lernen und Robotik verändern unsere Arbeitswelt – jedoch oft anders, als es in öffentlichen Debatten den Anschein hat. Ein aktuelles IZA Discussion Paper von Sabrina Genz, Terry Gregory and Florian Lehmer liefert nun eine datenbasierte Perspektive darauf, wie Technologie heute tatsächlich im Berufsalltag verankert ist. Dabei rückt der Fokus weg von rein hypothetischen Automatisierungsrisiken und hin zu den Fähigkeiten, die Beschäftigte aktuell wirklich anwenden.
Den Kern der Analyse bildet ein neuartiger Indikator: der Occupational Technology Skill Share (OTSS). Dieser misst den Anteil der Fähigkeiten in einem Beruf, die mit drei großen Technologiekategorien verbunden sind:
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Manuelle Fähigkeiten: Tätigkeiten, die ohne digitale Unterstützung ausgeführt werden – beispielsweise mit handgesteuerten Geräten oder Werkzeugen ohne IT-Anbindung. Sie sind charakteristisch für die Arbeitswelt vor der digitalen Revolution.
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Digitale Fähigkeiten: Kompetenzen, die für die Nutzung digitaler Werkzeuge zur Unterstützung oder indirekten Steuerung von Arbeitsprozessen erforderlich sind – wie CRM-Software, ERP-Systeme oder computergesteuerte Maschinen. Diese spiegeln die Computerisierungswelle seit den 1970er Jahren wider.
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Frontier-Fähigkeiten (Zukunftstechnologien): Fähigkeiten im Umgang mit fortschrittlichen Technologien, die Aufgaben autonom oder teilautonom erledigen können – etwa KI-Systeme, maschinelles Lernen, kollaborative Roboter oder digitale Zwillinge. Diese sind eng mit der Vierten Industriellen Revolution verknüpft.
Dieser Maßstab basiert auf detaillierten Informationen zu beruflichen Fähigkeiten aus der Expertendatenbank BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit. Um eine einheitliche Klassifizierung zu gewährleisten, kombiniert die Studie diese expertenbasierten Anforderungen mit modernen KI-Tools. So werden die Beschreibungen der Fähigkeiten angereichert und standardisiert. Anschließend werden diese harmonisierten Beschreibungen mithilfe von Methoden des überwachten maschinellen Lernens (Supervised Machine Learning) klassifiziert.
MIt diesem interaktiven Tool können Sie selbt erforschen, wie manuelle, digitale und Frontier-Fähigkeiten über verschiedene Berufe in Deutschland verteilt sind. Wählen Sie Berufe aus, vergleichen Sie die Verteilung der Fähigkeiten und betrachten Sie die Veränderung im Zeitverlauf zwischen 2012 und 2023. Daran lässt sich erkennen, inwieweit sich fortschrittliche Technologien auf dem Arbeitsmarkt ausbreiten.
Kernergebnisse der Studie
Die Ergebnisse zeigen: Trotz der wachsenden Aufmerksamkeit für KI dominieren nach wie vor manuelle und digitale Fähigkeiten den Arbeitsplatz. Im Jahr 2023 machten manuelle Fähigkeiten den größten Teil der Arbeitsinhalte aus (42%), gefolgt von digitalen Fähigkeiten (38%), während Frontier-Fähigkeiten rund ein Fünftel (20%) ausmachten.
Dieses Gesamtbild verbirgt jedoch wichtige Unterschiede zwischen den Berufen. Frontier-Fähigkeiten konzentrieren sich vor allem auf technische, ingenieur- und naturwissenschaftliche Berufe, während digitale Fähigkeiten in Verwaltungs-, Dienstleistungs- und Vertriebsberufen weit verbreitet sind.
Gleichzeitig belegt die Studie eine deutliche Verschiebung in den letzten zehn Jahren. Zwischen 2012 und 2023 haben sich Frontier-Fähigkeiten in den meisten Berufen ausgebreitet, während die relative Bedeutung manueller und digitaler Fähigkeiten zurückgegangen ist. Das deutet darauf hin, dass fortschrittliche Technologien den gesamten Arbeitsmarkt durchdringen und nicht nur auf eine kleine Gruppe von High-Tech-Berufen beschränkt bleiben.
Technologischer Wandel bedeutet nicht zwingend Arbeitsplatzverlust
Wichtig ist dabei, dass diese Veränderungen nicht direkt als Risiko für Arbeitsplatzverluste interpretiert werden sollten. Die entwickelte Klassifizierung zeigt zwar, welche Fähigkeiten mit Frontier-Technologien zusammenhängen, aber sie sagt nicht aus, ob diese Technologien die menschliche Arbeit ergänzen oder ersetzen.
Betrachtet man das Beschäftigungswachstum in Berufen mit unterschiedlicher Intensität an Frontier-Fähigkeiten, zeigt die Studie ein U-förmiges Muster: Berufe mit einem sehr geringen oder sehr starken Anstieg an Frontier-Fähigkeiten verzeichnen tendenziell ein stärkeres Beschäftigungswachstum. Dies lässt darauf schließen, dass Zukunftstechnologien hochspezialisierte Arbeit ergänzen können, während bestimmte manuelle oder dienstleistungsorientierte Berufe davon relativ unberührt bleiben.
Insgesamt unterstreicht die Studie, dass der technologische Wandel bereits tief in unserem Arbeitsalltag verankert ist – wenn auch ungleichmäßig. Für die Politik ist die Botschaft klar: Beschäftigte auf die Zukunft vorzubereiten, erfordert mehr als nur fortgeschrittenes KI-Training. Breit angelegte digitale Fähigkeiten bleiben in den meisten Berufen unerlässlich, während Frontier-Fähigkeiten zu einem immer wichtigeren – wenn auch nicht dem einzigen – Bestandteil der modernen Arbeitswelt werden.
Lesen Sie die englischsprachige Studie hier im Volltext.
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