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Zukunft selbst gestalten: Berufsberatung abseits ausgetretener Pfade

Zukunft selbst gestalten: Berufsberatung abseits ausgetretener Pfade

IZA@LISER Network | 1. Juli 2026
Wie digitale Berufsberatung in Entwicklungsländern den individuellen Horizont erweitern und neue Perspektiven eröffnen kann

Kinder schlagen beruflich und schulisch oft denselben Weg ein wie ihre Eltern. Was auf den ersten Blick natürlich erscheint, schränkt oft die soziale Mobilität ein, verfestigt Ungleichheiten und verhindert, dass Talente dort landen, wo sie am besten aufgehoben wären. Besonders gravierend sind diese Einschränkungen in Entwicklungsländern, wo Eltern oft nur über eine geringe Schulbildung und kaum Informationen über den Arbeitsmarkt verfügen.

Ein aktuelles IZA Discussion Paper von Sofia Badini, Esther Gehrke, Friederike Lenel und Claudia Schupp untersucht, inwieweit personalisierte digitale Berufsberatung Schülern dabei helfen kann, ihren Horizont zu erweitern und fundiertere Entscheidungen für ihre Zukunft zu treffen. Die Studie begleitete den Einsatz einer mobilen App im ländlichen Kambodscha. Das Ergebnis: Schon eine einfache, App-basierte Intervention, die zur Selbstreflexion anregt, steigert das Interesse an Berufsinformationen deutlich und weitet den Blick für ganz neue Berufsfelder.

Arzt, Lehrerin oder Polizist – und sonst nichts?

Die Untersuchung konzentrierte sich auf Neuntklässler im ländlichen Kambodscha – eine entscheidende Phase, da das neunte Schuljahr dort das Ende der Schulpflicht markiert und die Jugendlichen vor wichtigen Weichenstellungen für ihre Ausbildung und ihren weiteren Lebensweg stehen.

Die Ausgangslage ist herausfordernd: Durch den rasanten Ausbau des Bildungssystems sind viele Eltern deutlich weniger gebildet als ihre Kinder und können ihnen bei der Berufswahl kaum Orientierung bieten. Das führt dazu, dass sich die Wünsche der Jugendlichen auf ein extrem enges Spektrum beschränken. Vor dem Start des Projekts strebten mehr als 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler gerade einmal drei Berufe an: Arzt/Ärztin, Lehrer/Lehrerin oder Polizist/Polizistin. Gleichzeitig gab es völlig falsche Vorstellungen darüber, welche schulischen Voraussetzungen für diese Berufe eigentlich nötig sind.

Diese engen Vorstellungen treffen auf einen sich wandelnden Arbeitsmarkt. Kambodscha kämpft zunehmend mit einer Schere zwischen Ausbildung und tatsächlicher Nachfrage: Während Fachkräfte im handwerklich-technischen Bereich händeringend gesucht werden, steigt die Arbeitslosigkeit unter Universitätsabsolventen.

Der Algorithmus als Zukunftsplaner

Um dieser Dynamik entgegenzuwirken, entwickelten die Forschenden eine kostengünstige Smartphone-App, die Jugendlichen maßgeschneiderte Berufsinformationen liefert.

Der Ansatz basiert auf zwei Schritten: Zuerst regt die App die Schüler dazu an, über die eigenen Interessen, Stärken und Vorlieben nachzudenken. Im zweiten Schritt schlägt das Programm Berufe vor, die genau zu diesen Profilen passen. So lernen die Jugendlichen Berufsfelder kennen, die eine echte Brücke zu ihrer eigenen Identität und ihren Wünschen schlagen.

Um die tatsächliche Wirkung dieser Personalisierung sauber zu messen, verglich die Studie die Nutzer mit einer Kontrollgruppe. Diese nutzte eine visuell identische Version der App, die zwar exakt dieselben Berufsinformationen enthielt, die Berufe jedoch völlig zufällig und ohne persönliche Empfehlungen anzeigte.

Mehr Neugier, breiterer Horizont

Die Ergebnisse zeigen, dass die Personalisierung das Informationsverhalten der Jugendlichen grundlegend verändert. Schüler, die mit der personalisierten App arbeiteten, lasen deutlich mehr Berufsbeschreibungen, verweilten länger bei ihnen unbekannten Berufen und zeigten insgesamt Interesse an einer viel breiteren Palette von Tätigkeiten. Zudem zogen sie vermehrt Berufe in Betracht, die keine akademische Ausbildung erfordern, sondern direkt nach der Schule über praxisorientierte Wege zugänglich sind.

Ein besonders spannender Nebeneffekt: Ein Teil dieser Wirkung setzte bereits ein, bevor die Jugendlichen überhaupt die personalisierten Empfehlungen sahen. Allein der Impuls, sich intensiv mit den eigenen Interessen auseinanderzusetzen, motivierte die Schüler dazu, sich aktiver zu informieren und Optionen zu prüfen, die sie sonst schlichtweg übersehen hätten.

Das Fazit für die Bildungspolitik

Eine häufige Befürchtung bei solchermaßen gesteuerten Angeboten ist, dass eine personalisierte Beratung Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen von einem eigentlich machbaren Studium abhalten könnte. Die Studie liefert dafür keinerlei Anhaltspunkte. Vielmehr zeigte sich, dass sich vor allem leistungsschwächere Schüler verstärkt für Berufe mit geringeren schulischen Hürden interessierten. Das spricht dafür, dass die App ihnen geholfen hat, Wege zu finden, die schlicht besser zu ihren tatsächlichen Voraussetzungen passen.

Auf einer übergeordneten Ebene verdeutlichen die Ergebnisse, dass sich Jugendliche oft nur an dem orientieren, was sie aus ihrem unmittelbaren Umfeld kennen oder was gesellschaftlich hoch angesehen ist. Die Kombination aus geleiteter Selbstreflexion und maßgeschneiderten Informationen zeigt, dass digitale und kostengünstige Beratung den Blickwinkel von Schülern nachweislich weiten und sie bei einer klugen, realistischen Berufswahl unterstützen kann.

Lesen Sie die englischsprachige Studie hier im Volltext.

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