20 Jahre European Society for Population Economics (ESPE)

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Zwei Jahrzehnte Forschung am Puls der Zeit

Zu ihrer 20. Jahrestagung trafen vom 22.-24. Juni 2006 im italienischen Verona die europäischen Bevölkerungsökonomen zusammen. Traditionell dient die Tagung nicht nur dem Austausch von Forschungsergebnissen zu den demografischen Prozessen (Eheschließungen, Fertilität, Migration und Mortalität) und ihren politischen Implikationen, sondern schließt eine ganze Reihe von Forschungsfeldern ein, zu denen unter anderem Haushaltsökonomie, Arbeitsökonomie, Finanzwissenschaft und Gesundheitsökonomie gehören. Die rund 300 Teilnehmer der Veranstaltung stellten insgesamt über 200 neue Studien vor. Im Rahmen der Tagung überreichte die amtierende ESPE-Präsidentin Patricia Apps (University of Sydney and IZA) gemeinsam mit dem designierten Präsidenten Barry R. Chiswick (University of Chicago at Illinois and IZA) eine Ehrentafel an IZA-Direktor und ESPE-Mitgründer Klaus F. Zimmermann "für seine Inspiration und Führungskraft bei der Gründung der European Society for Population Economics und für 20 Jahre engagierter Beratungstätigkeit für ESPE."
20 Jahre ESPE - Gründungsvorstand feiert Jubiläum im IZA:
Pestieau, Schmitt-Rink, Zimmermann, van Praag, Ritzen
Die European Society for Population Economics (ESPE) hat sich in den zwei Jahrzehnten ihres Bestehens zu einer hoch beachteten und international einflussreichen Gesellschaft entwickelt. Das Journal of Population Economics, das durch die Arbeit der Gesellschaft möglich gemacht wurde, ist heute eine der führenden ökonomischen Fachzeitschriften der Welt. Das IZA ist Gastgeber der Homepage der ESPE (www.espe.org) wie auch des Journals (www.popecon.org) und beherbergt das Redaktionsbüro des Journal of Population Economics.
Chiswick (links) und Apps überreichen die Ehrentafel
Demografische Zusammenhänge bestimmen heute in vielen wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Bereichen die Diskussion. Die Bevölkerungen Europas schrumpfen infolge des Geburtenrückganges und instabiler Familienstrukturen. Die Arbeitsbevölkerungen altern, die Probleme der Finanzierung von Renten- und Krankenversicherungen nehmen zu, und die Versorgung der Bevölkerung mit öffentlichen Gütern sowie die Finanzierung der staatlichen Haushalte bereiten Schwierigkeiten. Es entstehen neue Formen intergenerationaler Ungleichheiten. Demografische, politische und wirtschaftliche Faktoren erzeugen einen hohen Anpassungsdruck, der sich in zunehmender internationaler Migration äußert. Die Wanderungsbewegungen selbst erzeugen wiederum eine Fülle von Herausforderungen für die gesellschaftliche Entwicklung wie auch für die Erforschung ihrer fachlichen Zusammenhänge.
Politische Reaktion auf demografischen Wandel zu lange vernachlässigt

Sieht man sich den wissenschaftlichen Diskussionsstand vor 20 Jahren an, so muss man aus heutiger Sicht mit Erschrecken feststellen, dass die wesentlichen Probleme und Lösungsansätze bereits zu dieser Zeit ausreichend bekannt waren. Die Gründung der ESPE war angesichts des Problemdrucks und des akuten Forschungsbedarfs schon zu dieser Zeit überfällig gewesen. Dass die gesellschaftspolitische Praxis in den meisten Ländern heute noch nicht viel weiter ist, entspringt also nicht mangelnder Weitsicht der Ökonomen, sondern bestenfalls ihrem Unvermögen, ihre Erkenntnisse Politik und der Gesellschaft stärker nahe zu bringen. Teil des Problems ist sicherlich die langfristige Wirkungsweise demografischer Prozesse. Auch nach 20 Jahren wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns spürt man heute erst langsam die Konsequenzen der aufgedeckten Zusammenhänge. Und es wird wohl noch weitere 20 Jahre dauern, bis sich ihre Wirkungen voll und unvermeidbar entfaltet haben.
ESPE-Gründer feiern das Jubliäum im Garten des IZA
Nicht zufällig stand die Wiege der ESPE im Länderdreieck Belgien, Holland und Deutschland. Im Kontinentaleuropa der 1980er Jahre war das von Jacques Drèze gegründete Centre for Operation Research and Econometrics (CORE) in Louvain-la-Neuve das einzige herausragende Forschungszentrum. Von CORE ging seinerzeit die Gründung der European Economic Association (EEA) aus, die 1986 ihren ersten Jahreskongress in Wien abhielt. Diese Gründung war Teil eines generellen europäischen forschungspolitischen Erwachens, das zu einer stärkeren Positionierung europäischer Forschungseinrichtungen gegenüber der nordamerikanischen Dominanz in der ökonomischen Forschung führte. Holland und Deutschland gehörten zu diesem Zeitpunkt zu den forschungsaktivsten Nationen in der Bevölkerungsökonomie.
Deutschland und Niederlande Vorreiter der Bevölkerungsökonomie

Für Deutschland war der demografische Wandel seit langem eine gravierende Herausforderung gewesen. Aber noch mangelte es an Forschungskapazität und einer Plattform für den wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Austausch. In der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft (DGBW) trafen sich Anfang der 1980er Jahre interessierte deutsche Ökonomen, darunter Gunter Steinmann (Universität Paderborn, heute Universität Halle), Gerhard Schmitt-Rink (Universität Bochum, heute Professor Emeritus in Wiesbaden), Bernhard Felderer (Universität Köln, heute Institut für Höhere Studien, Wien) und Klaus F. Zimmermann (Universität Mannheim, heute IZA und Universität Bonn sowie Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin). Ab 1982 leitete Zimmermann einen auf seine Initiative hin neu gegründeten Arbeitskreis Bevölkerungsökonomie in der DGBW, ab 1985 Felderer den von ihm inspirierten Ausschuss für Bevölkerungsökonomie beim Verein für Socialpolitik (VfS). Insoweit waren die deutschen Bevölkerungsökonomen national bereits Mitte der 1980er Jahre forschungspolitisch gut mobilisiert, organisiert und aufgestellt.
Eine internationale Einbindung der Ökonomengruppe in die International Union for the Scientific Study of Population (IUSSP) scheiterte in diesen Jahren, und so wuchsen die Vorstellungen zur Gründung einer eigenen internationalen Fachgesellschaft. 1986 war Zimmermann Research Fellow am CORE und geriet dort in Kontakt mit den Vorbereitungen zur Gründung der EEA. Er traf dort auch auf Pierre Pestieau (Université de Liège und CORE). Auf diversen Wochenendreisen von Louvain-la-Neuve zurück nach Mannheim beriet Zimmermann mit Schmitt-Rink in dessen Privatwohnung in Wiesbaden die Gründung einer europäischen Fachgesellschaft. Auf einer alten Schreibmaschine in der Küche von Schmitt-Rink entstand dabei nach und nach die Satzung einer European Society for Population Economics. Zurück am CORE konnte Zimmermann auch Pestieau für die Idee einer neuen Gesellschaft begeistern. Gemeinsam gewannen sie Bernard van Praag (Universität Rotterdam, jetzt Universität Amsterdam), sich für die Initiative an herausragender Stelle zur Verfügung zu stellen.
ESPE bleibt weltweit einzigartige Institution

Bereits im Herbst 1986 wurde das Projekt am Rand einer Fachtagung über "Demographic Change and Economic Development", die Alois Wenig (Universität Hagen, heute Universität Halle) und Zimmermann an der Universität Hagen organisiert hatten, von den interessierten Teilnehmern institutionalisiert. Für 1986/87 wurden alsdann Bernard van Praag als "President", Pierre Pestieau als "President-Elect", Gerhard Schmitt-Rink als "Treasurer" und Klaus F. Zimmermann als "Secretary" gewählt. Sie bildeten zusammen das erste ESPE "Executive Committee", das 1986/87 amtierte. President und President-Elect waren für ein Jahr, Treasurer und Secretary für drei Jahre gewählt. Der "President-Elect" wurde im Folgejahr automatisch "President". Jo Ritzen (Universität Rotterdam, heute Universität Maastricht) wurde zum Organisator der ersten Jahrestagung bestimmt, die vom 17. - 19. September 1987 an der Universität Rotterdam stattfand und dank einer perfekten Organisation einen erfolgreichen und wissenschaftlich sehr produktiven Verlauf nahm. Sehr viele der Erstteilnehmer an der Tagung haben zwischenzeitlich bedeutende Beiträge für die Forschung geliefert und dabei auch eng zusammengearbeitet.
Auch heute aktive Teilnehmer der akademischen Diskussion
Die Gründung der Fachgesellschaft half wesentlich mit, das Fach Bevölkerungsökonomie in der volkswirtschaftlichen Disziplin eigenständig zu etablieren. Dabei ist die ESPE bis heute die einzige übernationale Gesellschaft dieser Art in der Welt geblieben, was ihre besondere Rolle und Dominanz bekräftigt.
 

Über den ESPE-Gründungsvorstand

Bernard M. S. van Praag (67, Universität Amsterdam, ESPE President, 1986/87)

Nach seiner akademischen Ausbildung an der Universität Amsterdam führte der Werdegang von Bernard van Praag über die Freie Universität Brüssel, die Universität Leiden und die Erasmus-Universität Rotterdam zurück an die Universität Amsterdam. Bernard van Praag führte die ESPE als deren erster Präsident 1986/1987. Zu diesem Zeitpunkt war der niederländische Ökonom als Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam tätig, von der er erst 1992 an die Universität Amsterdam wechselte. Dort ist er bis heute in Forschung und Lehre aktiv. Neben seinen Aufgaben als ESPE-Mitbegründer wirkte van Praag zeitgleich auch als Mitinitiator und Gründungsdirektor des renommierten Tinbergen-Instituts. Von 1988 bis 1993 war er zudem Mitglied des einflussreichen wissenschaftlichen Beraterstabs der niederländischen Regierung und in dieser Funktion maßgeblich an der Erarbeitung eines Berichts zur Alterung der Gesellschaft beteiligt, der die demographische Debatte in den Niederlanden entscheidend geprägt hat. 1999 wurde van Praag in die Royal Dutch Academy of Sciences berufen. Zeitweise war van Praag auch Direktor der einflussreichen niederländischen Foundation for Economic Research. Seine Forschungsarbeiten sind in einem breiten Spektrum erstklassiger internationaler Fachzeitschriften erschienen und widmen sich neben Demografiethemen auch aktuellen Fragestellungen der Arbeits- und Gesundheitsökonomie.
Pierre Pestieau (62, Universität Liège, ESPE President-Elect, 1986/87, President 1988)

Pierre Pestieau hat seine Ausbildung in Philosophie, Soziologie und Ökonomie zunächst an der Universität Louvain erhalten, die er 1972 an der Yale University mit einer Promotion in Ökonomie abschloss. Nach einer Professur an der Cornell University ist er seit 1975 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Liège und leitet dort zur Zeit als Präsident das Centre de Recherche en Economie Publique et de la Population (CREPP). Pestieau hat seit Beginn seiner Forschungstätigkeit kontinuierlich wichtige Fachbeiträge zu Fragen der Bevölkerungsökonomie vorgelegt und engagierte sich konsequent für die ESPE. Zu seinen bevorzugten Forschungsschwerpunkten zählen Finanzwissenschaft und Themen der sozialen Sicherung. Gastaufenthalte führten ihn an renommierte europäische Universitäten sowie nach Peru, Kanada und in die USA. Pestieau hat zahlreiche Fachbücher und wissenschaftliche Aufsätze in wichtigen internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Darüber hinaus ist der belgische Ökonom Mitherausgeber des Journal of Public Economics und des Journal of Population Economics. 1988 wurde Pestieau Präsident der ESPE. Im Jahr 1989 erhielt er den Francqui Prize der belgischen Fondation Francqui Stichting für seinen Beitrag zum Fortschritt der Wirtschaftswissenschaften.
Gerhard Schmitt-Rink (80, Ruhr-Universität Bochum, ESPE Treasurer, 1986-1989)

ESPE-Gründungsvorstand Gerhard Schmitt-Rink kann auf eine lange Laufbahn als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum zurückblicken. Von 1970 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 ist er der renommierten Bochumer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät treu geblieben. Darüber hinaus entfaltete Schmitt-Rink eine rege Aktivität als Gastprofessor an zahlreichen Hochschulen in den USA, China, Indien, Singapur und Afghanistan. Nach seiner Emeritierung übernahm er unermüdlich und bis heute neue Aufgaben zunächst als Gründungsdekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und als Gründungsvorstand des dortigen Instituts für Unternehmensforschung und Unternehmensführung sowie danach als Gründungsvorstand der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien in Wiesbaden und Köln. Sein Spektrum in Forschung und Lehre war stets ungemein breit angelegt, wie auch seine einschlägigen Fachveröffentlichungen zu Fragen von Konsumdynamik, Außenhandel, Verteilungs- und Wachstumstheorie sowie Makro- und Bevölkerungsökonomie zeigen. Seine Forschungsarbeiten haben wertvolle Impulse für die Arbeit von ESPE geliefert.
Klaus F. Zimmermann (53, IZA, DIW Berlin, Universität Bonn, Freie Universität Berlin, ESPE Secretary 1986-1992, ESPE Conference Organizer, Mannheim 1988, ESPE President-Elect, 1993, President 1994)

Klaus F. Zimmermann führten seine intensive Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Bevölkerungsökonomie und verschiedene Aufgaben als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft und Leiter eines Arbeitskreises für Bevölkerungsökonomie dieser Gesellschaft 1986 folgerichtig zur Gründung der European Society for Population Economics. Die Entwicklung der ESPE zur weltweit bedeutendsten Vereinigung der Bevölkerungsökonomen hat Zimmermann als Secretary der Gesellschaft (bis 1992), als President-Elect 1993 und ESPE-Präsident 1994 sowie danach als Mitglied des ESPE Councils von 1995-1998 und 2004-2006 maßgeblich mitgestaltet. Nach seiner akademischen Ausbildung an der Universität Mannheim und internationalen Stationen als Forscher und Professor am Centre for Operations Research and Econometrics (CORE) an der Universität Louvain-la-Neuve und der University of Pennsylvania in Philadelphia nahm Zimmermann zunächst 1989-1998 eine Professur für Volkswirtschaftslehre an der Universität München wahr. Seit 1998 ist er Professor an der Universität Bonn und sei 2001 auch Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin. Neben seinen Aufgaben als Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) seit 1998 und auch als Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) seit 2000 sowie als Mitglied zahlreicher Wissenschafts- und Beratungsgremien widmet er sich intensiv der Erforschung der Migration und ihren Implikationen für den Arbeitsmarkt. Seit 1988 ist er Herausgeber des Journal of Population Economics. Im Rahmen seines umfassenden Publikationsspektrums hat er 33 Fachbücher und knapp 200 Fachartikel in renommierten internationalen Fachzeitschriften und Sammelbänden publiziert.
Jo Ritzen (60, Präsident der Universität Maastricht, ESPE Conference Organizer, Rotterdam 1987)

Bereits vor der Gründung der ESPE hatte Jo Ritzen eine eindrucksvolle wissenschaftliche Karriere durchlaufen. Nach Stationen an der Universität Nijmegen, der University of California in Berkeley sowie am Robert M. LaFollette Institute of Public Affairs der University of Wisconsin in Madison war er bei der ESPE-Gründung Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam. Danach entschied er sich für eine politische Karriere: Von 1989 bis 1998 gehörte er der niederländischen Regierung in mehreren Funktionen als Minister an, darunter für Bildung, Kultur und Wissenschaft. Als Bildungsminister war er einer der am längsten amtierenden Minister der Welt. Während seiner Amtszeit zeichnete er u.a. für wichtige Reformen des Bildungssystems der Niederlande verantwortlich. Im Anschluss wechselte Ritzen in herausgehobener Funktion zur Weltbank, wo er von 1999 bis 2001 als Vizepräsident des Development Economics Department und anschließend bis 2003 in gleicher Funktion für das Human Development Network der Weltbank tätig war. Seit 2003 ist Jo Ritzen Präsident der Universität Maastricht.
 

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