EN       DE
 
  Home   Suche  
IDSC
  Übersicht   Kontakt   Login
 
   
Logo

10 Jahre IZA

Logo


Arbeitsmarktpolitik: Interview mit Hilmar Schneider

Wird es in den alten Industrienationen zukünftig noch genug Arbeit für alle geben?

Die Arbeit geht uns nicht aus! Menschen versuchen seit jeher, sich vom schweren Los der Arbeit zu befreien, indem sie Arbeitsabläufe effizienter gestalten, entweder durch Maschinen oder durch verbesserte Organisation. Im globalen Wettbewerb sind Unternehmen zudem gezwungen, nach den kostengünstigsten Lösungen für die Herstellung ihrer Produkte zu suchen. Die Arbeit ist paradoxerweise trotzdem nicht weniger geworden.

Und warum ist das so?

Weil sich mit dem technischen Fortschritt auch die Bedürfnisse der Menschen weiterentwickeln. Wenn es nur darum ginge, mit den heutigen Produktionsmöglichkeiten den Lebensstandard der Menschen des 19. Jahrhunderts zu befriedigen, dann könnten wir das in der Tat mit einem winzigen Bruchteil dessen tun, was damals notwendig war, um Nahrung, Kleidung und Wohnungen herzustellen. Menschen geben sich aber mit dem Erreichten niemals zufrieden. Die gewonnene Zeit weckt neue Bedürfnisse und das wiederum schafft neue Märkte und Betätigungsmöglichkeiten. Noch vor zwanzig Jahren konnten sich die Menschen nicht einmal vorstellen, dass es so etwas wie das Internet geben könnte. Heute ist es nicht nur für die meisten von uns ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens, sondern ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor.
Aber warum sind dann trotzdem so viele Menschen arbeitslos?

Jedenfalls nicht, weil es zu wenig Arbeit gäbe. Wenn überhaupt, gibt es zu wenig lohnenswerte Arbeit. Das aber hat mehr etwas mit der Ausgestaltung der sozialen Sicherung zu tun. Insbesondere für gering Qualifizierte lohnt es sich häufig nicht, einer regulären Arbeit nachzugehen, weil die Löhne, die sich mit entsprechend einfacher Arbeit erzielen lassen, kaum höher sind als das, was man ohne großen Aufwand vom Staat bekommt, wenn man gar nicht arbeitet. Die Löhne, die ein Arbeitgeber zahlen müsste, damit sich einfache Arbeit für die Betroffenen rechnen würde, stehen häufig in keinem vernünftigen Verhältnis zum Marktwert der erbrachten Leistung. Als Konsequenz sind die Deutschen Weltmeister im Do-ityourself und gehören zu den Spitzenreitern bei der Schwarzarbeit.
Sind also die Sozialleistungen zu hoch?

Nicht unbedingt. Zum einen kann man durch die Verbesserung der individuellen Qualifikation dafür sorgen, dass Menschen leichter über die vom sozialen Sicherungssystem implizit eingezogene Mindestlohnhürde kommen. Zum anderen kann man die Regeln für den Bezug von Sozialleistungen an eine Pflicht zur Gegenleistung in Form von Arbeit koppeln. Durch dieses auch als Workfare bekannte Prinzip würde sich die Attraktivität von einfach entlohnten Tätigkeiten radikal erhöhen. Denn wer vor die Wahl gestellt wird, seinen Transferanspruch nur bei Übernahme einer nicht zusätzlich entlohnten sozial nützlichen Ganztagsbeschäftigung einlösen zu können, wird auf dem regulären Arbeitsmarkt dann auch solche Jobangebote annehmen, die nur einen geringen Einkommensvorteil erbringen, weil der Zeitaufwand gleich ist. Dieses faire Prinzip von Leistung und Gegenleistung würde deutliche Anreize zur Arbeitsaufnahme setzen. Die Arbeitslosigkeit würde deutlich reduziert und es würde sich für die Unternehmen endlich wieder lohnen, einfache Tätigkeiten auf dem Markt anzubieten.
Hat die Politik das Workfare-Modell des IZA aufgegriffen?

Das Bundeswirtschaftsministerium hat auf der Grundlage unseres Workfare- Konzepts ein eigenes Modell entwickelt, das sich von dem unsrigen aber nur in Details unterscheidet. Der wissenschaftliche Beirat des Bundesfinanzministeriums kommt in einem Gutachten zu dem Schluss, dass das Workfare-Modell des IZA einen wirkungsvollen Beitrag zur Bekämpfung der strukturellen Arbeitslosigkeit leisten kann und empfiehlt seine Umsetzung.
Welche Themen stehen außerdem auf Ihrer Agenda?

Neben der Politiksimulation spielt die Evaluation von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen eine große Rolle. Dabei geht es vor allem um die berufliche Weiterbildung und die Förderung von Existenzgründungen. In diesem Zusammenhang war das IZA maßgeblich an der von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Evaluation der Hartz-Reform beteiligt. Bis zum Jahr 2011 werden wir auf Basis von Geschäftsdaten der Bundesagentur für Arbeit und eigener Befragungen einen Datensatz generieren, der für die Evaluationsforschung von einmaliger Bedeutung sein wird. Er erlaubt uns nicht nur, die Wirkung der verschiedenen arbeitsmarktpolitischen Instrumente im Vergleich zueinander zu beurteilen, sondern geht auch im Hinblick auf die Messung des Maßnahmenerfolgs weit über das hinaus, was bislang üblich ist. So werden wir beispielsweise in der Lage sein, Erkenntnisse über die Veränderung von kognitiven Fähigkeiten im Verlauf der Arbeitslosigkeit zu gewinnen. Ebenso beschäftigen wir uns mit der Rolle von Institutionen für die Funktionsfähigkeit von Arbeitsmärkten.
Wie finden Ihre Erkenntnisse den Weg in die Politik?

Solide Forschungsarbeit ist eine wichtige Voraussetzung, um in der Politik Gehör zu finden. Hier besitzt das IZA mit seinem internationalen Forschungsnetzwerk einen exzellenten Wettbewerbsvorteil. Diesen Vorteil nutzen wir nicht nur bei der Erstellung von Forschungsgutachten für Ministerien und andere öffentliche Einrichtungen, sondern auch im Rahmen unserer in eigener Initiative betriebenen Projekte. Darüber hinaus müssen die Ergebnisse in einer medial verständlichen Form dargestellt werden. Dies gilt vor allem für Erkenntnisse, die politisch unbequem sind. Einem anschaulich und gut fundierten Argument kann sich die Politik nicht verschließen. Schließlich und endlich ist eine gewisse Beharrlichkeit in den Aussagen erforderlich.
 
Zurück zur Übersicht "10 Jahre IZA"
 

© IZA  Impressum  Letzte Aktualisierung: 03.04.2012  webmaster@iza.org    |   Print View